Marlen Haushofer ist meiner Ansicht nach eine diese Autorinnen,
von denen man gar nicht laut und oft genug sprechen kann, weil sie
gelesen gehören und viel zu wenig Beachtung finden. Trotzdem mache ich
mir keine Sorgen um die Zukunft ihrer Werke. Immerhin wurde „Die Wand“,
ihr bekanntester Roman, nun verfilmt und dürfte in nicht allzu langer
Zeit ins Kino kommen - mit Martina Gedeck in der Hauptrolle und einem
Frühstart auf der diesjährigen Berlinale.
Es wäre aber traurig und ungerecht, würde die österreichische
Autorin nur für „Die Wand“ verehrt. Ja, der Roman ist großartig. Er ist
finster, gegen jede Konvention, konsequent, mutig. Er berührt und ist
politisch, sozialkritisch und aufreibend. Ich behaupte: Wer „Die Wand“
gelesen hat, vergisst diese Geschichte nicht so bald wieder.
Gerade lese ich einen ganz anderen Roman von Marlen Haushofer. Zum
zweiten Mal und wie fast immer, wenn ich etwas zum zweiten Mal lese, ist
es nicht ganz freiwillig, sondern weil ich darüber für die Uni arbeiten
muss. Und diesen Roman möchte ich allen-allen-allen ans Herz legen.
„Die Mansarde“ (1969) beginnt mit einer Szene, die man eigentlich
heimelig finden müsste, fast schon idyllisch. Da liegt ein Paar im Bett,
beide um die fünfzig. Es ist ein Sonntag im Winter, keine Eile, und die
beiden unterhalten sich in trauter Beiläufigkeit über den Baum vorm
Fenster. Es ist nicht ganz klar, ob es eine Ulme oder eine Erle ist, was
sie vermutet, oder doch eine Akazie, wie er behauptet (und „Agazie“
sagt, weil das sein Vater auch so gesagt hat). Aber schon nach einigen
wenigen Sätzen ist klar: Hier stimmt etwas nicht. Dann kommt ein Brief
ins Haus und mit ihm eine sorgsam verdrängte Vergangenheit.
„Die Mansarde“ erzählt die Geschichte einer Frau, die in ihrem
kleinbürgerlichen Leben wie in einer engen Klause hockt. Ihre Kinder
empfindet sie „wie fremde Kostgänger“, liebe Personen, über die sie zwar
niemals schlecht, aber immer distanziert und kein bisschen mütterlich
spricht. Der Mann ist gewissenhaft, will nichts Böses und tut nichts
Böses, und doch bekommt man beim Lesen eine Wahnsinnswut auf diesen
geistlosen Pedanten. Die Protagonistin gestattet sich nur kleine
Fluchten in ihre Mansarde, ein Zimmer unter dem Dach, zu dem ihr Ehemann
keinen Zutritt hat, es sei denn, sie lädt ihn ausdrücklich ein (1). Dort
in der Mansarde malt sie. Dort geht sie auf und ab, weil es dort
niemanden stört, nicht ihren pedantischen Ehemann, nicht die pubertäre
Tochter, die ihr so fremd ist. Dort hängt sie ihren „Mansardengedanken“
nach – Gedanken, die zuweilen gefährlich sind.
Wenn man Marlen Haushofer nicht für die Abgründigkeit und die mal
subtile, mal unverhohlene Boshaftigkeit in ihren Erzählungen verehrt,
dann muss man sie mindestens für ihren Humor lieben. Davon gibt es in
der „Mansarde“ erstaunlich viel. Die Protagonistin kommentiert ihr
bürgerliches Horrorleben, ohne zynisch zu sein, mit einer
messerscharfen, unglaublich klugen und immer bescheidenen Ironie. Ich
habe selten für eine Romanfigur so tiefe Sympathien gehegt wie für die
Mansardenfrau.
Für Fans von Virginia Woolf („A Room of One's Own“) oder Charlotte
Perkins Gilman („The Yellow Wallpaper“), für Raumtheoretiker und
Austrophile dringend empfohlen – und überhaupt allen, die für den
Sommerurlaub noch ein Buch suchen, das packend und substanziell und
trotzdem ein „Pageturner“ ist.
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(1) Ist es nicht so, dass bei Stoker auch Vampire erst einer Einladung bedürfen, ehe sie ein Haus betreten können? Das muss ich noch mal nachsehen.
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