22. August 2012

Letzte Welten, erste Sätze

Wieviel sagen erste Sätze über ein Buch aus - über das Können eines Autors oder einer Autorin, über die Qualität der Erzählung, über die Sogkraft, die eine Geschichte hat oder eben nicht? Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, ehe ich heute ein neues Buch begonnen habe, "Written on the Body" von Jeanette Winterson, und mir daraufhin auch die anderen ersten Sätze der Bücher angesehen habe, die ich zuletzt gelesen habe.

Hier sind sie:

Why is the measure of love loss?
Jeanette Winterson, Written on the Body.

Mit einer Frage einzusteigen, entspricht (wohl aus guten Gründen) nicht unseren Gewohnheiten; ich habe das Gefühl, dass eine Frage, noch dazu eine solche, eine Warumfrage, eine Grundsatzfrage, den Lesenden erstmal aus der Geschichte hinaus- und in die eigenen Gedanken hineinwirft. Es ist eine Stärke von Winterson, gleich darauf ganz und gar konkret zu werden. In den nächsten Sätzen wird beschrieben, was Barthes vielleicht tangibilia nennen würde. Dinge, die man anfassen kann. Die Bäume, die ihre Wurzeln nach regenlosen Monaten tiefer in den Boden graben, die Trauben, die nicht reifen. Und während man das liest, während dieses "Establishing Shot", der einen mit der neuen Umgebung des neu begonnen Romans vertraut macht, hallt die Frage nach. Why is the measure of love loss?

Ein Orkan, das war ein Vogelschwarm hoch oben in der Nacht; ein weißer Schwarm, der rauschend näherkam und plötzlich nur noch die Krone einer ungeheuren Welle war, die auf das Schiff zusprang.
Christoph Ransmayr, Die letzte Welt.

In diesem Satz steckt viel mehr als nur eine Beschreibung der Begebenheiten, auch er liefert eben keinen bloßen "Establishing Shot" (wir sind auf dem Meer, auf einem Schiff, und es ist stürmisch). Stattdessen nimmt er vieles vorweg, oder besser: führt auf verdammt gekonnte Weise ein, worum es später, im Verlauf des Romans, gehen wird. Um Verwandlungen nämlich, um ganz bestimmte Metamorphosen, aber auch um eine verwandelte, veränderte Wahrnehmung. Auch stilistisch verspricht der erste Satz viel von dem, was der Roman halten wird, nämlich eine bildreiche, poetische, starke und wagemutige Sprache, die oft unkonventionell und manchmal sperrig ist. Ich mochte dieses Buch sehr - nicht zuletzt wegen genau dieser beeindruckenden Sprache.

Late in May 2001, about ten days after I saw him for the last time, Mats Sigfridsson was hauled out of Malangen Sound, a few miles down the coast from here.
John Burnside, A Summer of  Drowning.

Eigentlich perfekt. Wenn das eine Meldung in der Zeitung wäre. Hier werden alle W-Fragen geklärt, mit großer Präzision, es gibt eine genaue Zeitangabe, einen vollständigen Namen, einen - wenn auch den meisten in unseren Breiten ungewohnten - genau benannten Handlungsort. Aber es wird auch sofort in medias res gegangen, was den Plot angeht: Aha, zum letzten Mal gesehen, diesen Mats Sigfridsson? Aus dem Wasser gefischt? Das klingt nicht nach einem natürlichen Tod und damit ziemlich nach Genreliteratur, ein Krimi-Einstieg wie aus dem Lehrbuch. Es ist Burnside zu Gute zu halten, dass er sich im Lauf der Handlung immer weiter von Genrezuschreibungen entfernt. Trotzdem kommt er meines Erachtens nicht über einen hochnotkonventionellen Erzählstil hinaus und man muss beim Lesen über einige Klischees hinwegsehen.

Ich weiß jetzt natürlich immernoch nicht, welchen Stellenwert diese ersten Sätze im Allgemeinen und im Besonderen haben. Aber ich habe gemerkt, dass es sich lohnt, sie wieder und wieder zu lesen. Nun aber zurück zu Winterson, deren Frage immernoch ein Echo ist, und apropos Echo: Da sind wir doch sowieso schon wieder bei Ransmayr.

26. Juli 2012

Laughing at God

Es passiert immer wieder und in letzter Zeit mit steigender Häufigkeit: Ich gerate in Diskussionen über Religion. Manchmal ist das unangenehm, oft erhellend und eigentlich immer viel emotionaler, als mir lieb ist, oder zumindest: emotionaler als erwartet. Meine klare Ablehnungshaltung ist dabei so flexibel wie ein Mammutbaum im lauen Sommerwind (Mist, genau das habe ich eigentlich schon längst in einem anderen Kontext mal geschrieben, weiß aber nicht mehr wo, und über die Biegsamkeit von dicken Bäumen ist mir auch nichts bekannt. Note to self: bessere Metaphern ausdenken, und auch das Gedächtnis könnte besser funktionieren). Aktuell ist das aber zum Glück so salonfähig, dass kaum ein ernstzunehmendes Kaffeehausgespräch ohne das Wort Vorhaut geführt wird, und eine gewisse Hitzigkeit scheint dieser Debatte inhärent, somit ist die Zeit wohl nicht die schlechteste für einen Buchtipp mit dem Triggerwort im Titel: Foreskin's Lament von Shalom Auslander. Der Klappentext schreibt von einer Mischung aus David Sedaris und Richard Dawkins und von einem "blasphemous book" (William Sutcliffe, Independent on Sunday). Ich denke, mehr Teaser braucht es nicht, um neugierig zu machen.

Falls doch: Shalom Auslanders Website.

Auch zum Thema, auch schön: How to suck at your religion, ein Comic von The Oatmeal.
http://theoatmeal.com/comics/religion?ref=nf

11. Juni 2012

Tool Time

Ich habe schon so lange davon gesprochen, dass ich "mal was Längeres" schreiben will, dass nach einer Weile wahrscheinlich niemand noch weniger daran geglaubt hat als ich. Aber glauben ist ja immer ein intellektuelles Risiko. Also bin ich mittendrin und habe gerade eine gewisse Freude daran entwickelt, neue Tools auszuprobieren.

6. Juni 2012

Infinite Jest als Berliner Utopie

"Infinite Jest" war für mich der Roman des Jahres 2011 - ich habe mich daran abgekämpft, erfreut, manche Passagen immer wiederlesen wollen, oft zurückblättern müssen, weil ich das Gefühl hatte, etwas zu verpassen. Das waren ein paar ziemlich schöne und anstrengende Monate.

Den Plot und seine Handlungsorte auf unsere Berliner Gegenwart zu übertragen, finde ich allem Realismus zum Trotz gewagt. Nun versucht sich das HAU, das Hebbel am Ufer, genau daran:

In [...] der ironischen Wendung des Romans von Überforderung und unendlicher Überfülle werden zwölf KünstlerInnen und Companies, die mit ihren Arbeiten dem HAU über die letzten Jahre verbunden waren, an verschiedenen Orten zwölf Perspektiven für Berlin entwerfen und damit zwölf Visionen einer vergangenen Zukunft auf der Grundlage des Romans entwickeln. Zwischen 10.00 Uhr und 10.00 Uhr morgens am folgenden Tag verwandeln sie den Tennisclub LTTC „Rot-Weiß“ mit seinem großen Steffi-Graf-Stadion in die „Enfield Tennis Academy“, das Vivantes Klinikum Neukölln in das „Ennet House Drug and Alcohol Recovery House“, die Mensa des Fontane-Haus im Märkischen Viertel zum Sitzungsraum der Anonymen Alkoholiker, den Teufelsberg und den Umlaufkanal zu geheimen Treffpunkten Quebecer Separatisten.
 Ich habe keinen Schimmer, ob das gelingen kann. Und auch nicht, wie viel von David Foster Wallaces Ideen am Ende in "meiner" Stadt erlebbar gemacht werden. Ich weiß nicht, ob ich hingehen werde, und auch nicht, ob ich der Versuchung widerstehen kann. 

http://www.hebbel-am-ufer.de/de/kuenstler/kuenstler_23700.html?HAU=1

3. Juni 2012

A shadow of the living world

Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist wahrscheinlich der einzige griechische Mythos, von dem ich behaupten kann, ich hätte ihn gelesen, verstanden und im Gedächtnis behalten. Dass das Neil Gaiman zu verdanken ist, der im Kontext seiner Sandman-Stories eine wunderbare Comicversion dieser Geschichte veröffentlicht hat, würde ich im Gespräch mit Altphilologen selbstverständlich unterschlagen (1).

Als ich im letzten Jahr erfahren habe, dass David Mazzucchelli eine Graphic Novel nicht nur gezeichnet, sondern auch selbst geschrieben hat, musste ich die lesen. Auch, wenn ich Mazzucchelli zuvor nur wegen seiner tollen Comic-Adaption von Paul Austers Erzählung City of Glass kannte, war ich sofort überzeugt, als ich im Buchladen die ersten Seiten überflogen und einen Blick auf die Illustrationen geworfen  hatte.

Asterios Polyp, Namensgeber und Hauptfigur der Erzählung, ist Architekturprofessor und Zyniker. Ein ziemlich grantiger, kantiger Typ, der seine Studenten mit Sprüchen drangsaliert, die man von einem Professor niemals hören möchte (und die man als Leser unglaublich lustig findet). Dass es dennoch eine Frau gibt, die sich auf diesen Grantler einlässt, scheint unwahrscheinlich und passiert natürlich trotzdem.

1. Juni 2012

Schrödingers Hamster

Konrad hat eine geniale Idee, wie er aus den klebrigen Fängen eines tierlieben kleinen Mädchens entkommen kann. Kann Quantenmechanik den Hamster retten? Marion Alexa Müller liest eine Fabel.

Gesehen bei Vision & Wahn im Mai 2012.


31. Mai 2012

Mansardengedanken

Marlen Haushofer ist meiner Ansicht nach eine diese Autorinnen, von denen man gar nicht laut und oft genug sprechen kann, weil sie gelesen gehören und viel zu wenig Beachtung finden. Trotzdem mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft ihrer Werke. Immerhin wurde „Die Wand“, ihr bekanntester Roman, nun verfilmt und dürfte in nicht allzu langer Zeit ins Kino kommen - mit Martina Gedeck in der Hauptrolle und einem Frühstart auf der diesjährigen Berlinale.

Es wäre aber traurig und ungerecht, würde die österreichische Autorin nur für „Die Wand“ verehrt. Ja, der Roman ist großartig. Er ist finster, gegen jede Konvention, konsequent, mutig. Er berührt und ist politisch, sozialkritisch und aufreibend. Ich behaupte: Wer „Die Wand“ gelesen hat, vergisst diese Geschichte nicht so bald wieder.

Gerade lese ich einen ganz anderen Roman von Marlen Haushofer. Zum zweiten Mal und wie fast immer, wenn ich etwas zum zweiten Mal lese, ist es nicht ganz freiwillig, sondern weil ich darüber für die Uni arbeiten muss. Und diesen Roman möchte ich allen-allen-allen ans Herz legen.