3. Juni 2012

A shadow of the living world

Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist wahrscheinlich der einzige griechische Mythos, von dem ich behaupten kann, ich hätte ihn gelesen, verstanden und im Gedächtnis behalten. Dass das Neil Gaiman zu verdanken ist, der im Kontext seiner Sandman-Stories eine wunderbare Comicversion dieser Geschichte veröffentlicht hat, würde ich im Gespräch mit Altphilologen selbstverständlich unterschlagen (1).

Als ich im letzten Jahr erfahren habe, dass David Mazzucchelli eine Graphic Novel nicht nur gezeichnet, sondern auch selbst geschrieben hat, musste ich die lesen. Auch, wenn ich Mazzucchelli zuvor nur wegen seiner tollen Comic-Adaption von Paul Austers Erzählung City of Glass kannte, war ich sofort überzeugt, als ich im Buchladen die ersten Seiten überflogen und einen Blick auf die Illustrationen geworfen  hatte.

Asterios Polyp, Namensgeber und Hauptfigur der Erzählung, ist Architekturprofessor und Zyniker. Ein ziemlich grantiger, kantiger Typ, der seine Studenten mit Sprüchen drangsaliert, die man von einem Professor niemals hören möchte (und die man als Leser unglaublich lustig findet). Dass es dennoch eine Frau gibt, die sich auf diesen Grantler einlässt, scheint unwahrscheinlich und passiert natürlich trotzdem.



Aber "Asterios Polyp" ist viel mehr als eine Liebesgeschichte. Der Plot hat so viele Ebenen, dass es der architektonisch genauen Konstruktion eines David Mazzucchelli bedarf, die vielen Handlungsstränge in eine Form zu bringen, die glaubhaft und aus einem Guss ist. Die Geschichte beginnt mit einem Feuer. Asterios' Apartment geht in Flammen auf, er setzt sich mittellos in einen Greyhound Bus, landet schließlich bei einem leicht exzentrischen Paar und wird Automechaniker. Von Asterios Polyps Zwillingsbruder Ignazio erfahren wir, was zuvor passiert ist. Ignazio ist also der Erzähler dieser ungewöhnlichen Biografie, der als omniscient narrator in Erscheinung treten kann, weil er lange tot ist - und dennoch weiterlebt, als Stimme aus dem Off, als Kommentator. Wie wichtig diese fehlende Hälfte, der verlorene Bruder als verlorener Teil einer eigenen Identität ist, wird im Verlauf der Handlung erst richtig deutlich.

Dann gibt es einen Exkurs in die Unterwelt, die Geschichte des Sängers Orpheus wird mit Asterios' Story verwoben, die vermeintliche Wirklichkeit kippt, ohne dass man genau sagen könnte, wann dieser Twist einsetzt. Und ähnlich wie Orpheus' Liebe zu Eurydike scheint auch die Liebe zwischen Asterios und seiner Hana ausweglos gescheitert.

Nicht zuletzt ist "Asterios Polyp" auch ein Roadmovie in bester Amerikanischer Tradition, es ist ein hochphilosophisches Buch, das sich mit (vermeintichen) Gegensätzen und (vermeintlich untrennbaren) Paarungen auseinandersetzt, es ist zum Brüllen komisch und endlos traurig, großartig erzählt und beeindruckend visualisiert. Die Zeichnungen wirken zunächst reduziert, fast ein wenig steril - es gibt ein paar Farbschemata, von denen man glaubt, man würde sie durchschauen, oft sieht man die Figuren sehr stilisiert. Die Panels wirken aufgeräumt. Auf den ersten Blick - denn sobald man ein zweites Mal hinschaut, gibt es viel zu entdecken, Easter Eggs und versteckte Hinweise, so dass es viel Spaß macht, ganz genau hinzusehen. In Sachen Storytelling ein Meisterwerk und künstlerisch ein unglaubliches Geschenk.

"Asterios Polyp" ist eines der Bücher, die ich ganz unbedingt wiederlesen und deshalb hier empfehlen möchte.



Mehr über "Asterios Polyp" gibt es bei goodreads oder Wikipedia (je auf Englisch).


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(1) Zum Glück kenne ich zu wenige Altphilologen, um je in diese Verlegenheit zu kommen. Eigentlich kenne ich sogar gar keine Altphilologen.

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